Olga Tokarczuk, "Der Schrank", Erzählungen, 2000.

Seite 21:
„Für sie ist das Hotel sicher ein Gebilde der Vollkommenheit, ein lebendiges, wenn auch unbewegliches Wesen, für das wir sorgen müssen. Natürlich flattern, fließen Menschen hindurch, machen es sich in seinen Betten gemütlich und trinken Wasser aus seinen Messingzitzen. Aber sie sind vorübergehend, sie verschwinden wieder. Wir und das Hotel, wir bleiben. Deshalb beschreibt mir Miss Lang die Zimmer wie heimgesuchte Orte, immer im Passiv: belegt, verschmutzt, verlassen, seit mehreren Tagen unbesetzt.“

 

Normalerweise passiert es fast automatisch, dass mich Bücher zum Nachdenken über ihren Inhalt anregen. Ich beobachte wie sich Assoziationen bilden, wie Denkmuster aktiviert werden, wie Zusammenhänge auftauchen. Aber in diesem Fall verwehrte sich mein Denken dagegen. Anscheinend sträubte ich mich gegen die - für eine Reflexion nötige - Distanz zum Text. Vielmehr wollte ich die von den Worten ausgelöste Stimmung und die Denkmuster als Teil von mir aufnehmen, anstatt mich von ihnen zu distanzieren. Selten war ich in diesem Ausmaß in einem Text verfangen. Ja, ich gebe zu: Ich wollte die Erzählung nicht verstehen, nicht darüber nachdenken, sondern mich in die Stimmung suhlen, die sie bei mir auslöste.

 

Natürlich ist ein Grund dieser starken Identifizierung das Erkennen ähnlicher Denkmuster bzw. meiner Sehnsucht danach. Vielleicht ist die abstrakte, teilweise an Surrealität grenzende, Denkweise hinter den Erzählungen eine Quelle der Identifikation. Viel spannender ist aber das Abtauchen in andere Denkwelten, denn die Beschreibungen von Situationen und Zuständen in den Erzählungen scheinen oft aus anderen Perspektiven oder sogar Lebensrealitäten zu stammen. Das zeigt mir wieder, wie sehr wir in unseren alltäglichen Denkschemen verfangen sind, die wir als Strukturen für das Erfassen der Welt benötigen. Gerade deswegen ist es verlockend mit Hilfe von harmloser Literatur daraus auszubrechen, ja aus dem Alltag, aus dem Leben auszubrechen.

 

Und ich denke dabei, dass Menschen sehr ähnliche Werkzeugkisten verwenden um die Welt zu beschreiben, zu erfassen, zu bearbeiten. Klar, teilweise werden die Werkzeuge anders verwendet, aber sonst… Gerade deswegen ist es verlockend zu beobachten wie Tokarczuk in ihren Erzählungen mir unbekannte Werkzeugkisten verwendet. Ja, diese Verwirrung kann in einem passenden Rahmen verlockend sein. Für alles andere haben wir ja unsere stabilen Denkschemen. Und wie kompliziert wäre das Zusammenleben, wenn unsere Werkzeugkisten sich zu sehr unterschieden?

 

Am Ende bin ich natürlich froh, dass mich das Buch sehr wohl zum Nachdenken angeregt hat. Aber eben nicht über den Inhalt, sondern über das Menschsein, über mich Selbst und warum ich mich streckenweise mit dem Erzählstil so stark identifizieren konnte. Was will ich mehr von einem Buch?

 

Elif Shafak, "Der Bonbonpalast", 2008

Seite 9:

„Die Leute behaupten, ich hätte eine blühende Phantasie. Das ist noch die freundlichste Art zu sagen: ‚Du spinnst!‘, Damit könnte sie sogar Recht haben. Denn ich spinne reichlich, zum Beispiel … wenn ich mich jemandem vorstelle, den ich gerne kennen lernen würde, und dabei verschweige, dass ich mich selbst kaum kenne … Das Ersponnene ist genauso weit von der Wahrheit weg wie von der Unwahrheit. Der Lügner stellt die Welt auf den Kopf, während der Spinner die Wahrheit mit der Lüge verlötet. Das hört sich kompliziert an, ist aber so einfach, dass es sich mit einem Strich darstellen lässt. Angenommen die Wahrheit ist ein waagrechter Strich … Dann ergibt das, was wir Lüge nennen, eine Senkrechte ... Das Ersponnene sieht dann so aus … Im Kreis gibt es keine Waagerechte und keine Senkrechte, er hat weder einen Anfang noch ein Ende.“

 

Wir haben alle unsere Macken und zu sehen wie Shafak die Schrullen der Bewohner des Bonbonpalasts – eines Istanbuler Wohnbaus – verwendet um beim Leser Sympathie zu erzeugen, ist irgendwie schon hinterhältig. Trotzdem will man immer mehr davon, da es kein Abklatsch von Klischees ist, sondern das Tanzen von bunten Persönlichkeiten, die die Vielfalt ihrer Lebenswelten und Gemütszuständen zeigen. Das phantasievolle Großstadtmärchen, das dabei gemalt wird, hat sowohl blumige als auch kantige Stellen, wie das Leben wahrscheinlich auch. Nichts wird beschönigt beim sanften Erzählen der Vielfalt von persönlichen Weltauffassungen und Wahrnehmungen beim Beschreiben des Alltags der Bonbonpalastbewohner. Aber es wird auch nicht verheimlicht, dass das Leben – wenn man genau und vom richtigen Blickwinkel hinschaut – phantastisch sein kann. Nein, es passiert nichts Großes, Skandalöses; zum Glück nicht. Denn wer das Leben und die Menschen – in all ihren Facetten – liebt, schaut auf die Details, schaut auf die persönlichen Eigenheiten, denn erst dort wird die Person als solche gesehen und geschätzt. Ja, Shafak schreibt eine Liebeserklärung an die Ticks und verzerrte Weltauffassungen des Personenorchesters im Bonbonpalast, aber letztendlich generell an die Authenzität des Menschen, mögen sie noch so schräg oder langweilig erscheinen, Hauptsache man sieht wie der Mensch nicht aus seiner Haut kann in dem was er/sie tut.

 

Dieses Spiel mit den Charakteren reicht Shafak aber nicht. Alleine die Geschichte wie der Bonbonpalast zu seinen Namen kam ist ein Buch im Buch, und ist in ihrer Phantasiehaftigkeit fast schon abwegig. Dabei merkt man Shafaks Lust  am Zerren und Verspinnen von Geschichtsverläufen. Aber was tut frau nicht alles um ihre Lieblinge den gebührenden Platz im Leben zu erschreiben. Denn der liebevolle Umgang mit ihren Protagonisten zeigt sich in allen Facetten der Erzählung. Verklärt wird die Beschreibung aber nie, denn trotz der bildhaften Sprache in Metaphern der Innenwelt wechselt die Sprache passend zur gerade beschriebenen Person, von unschuldig kindlichen Erzählungen bis zur derben Sprache von Trinkern und Draufgängern, oder der gleichgültigen Beschreibung von Müßigängern.

 

Bei all der Phantasie und Schrulligkeit kommen aber – von der ersten Seite (s.o.) bis zum Schluss -  Lebensweisheiten nicht zu kurz:

 

Seite 253:

„Es gibt zwei Arten von Hausputz: der eine beginnt gestern und dauert bis morgen, der andere kennt weder Gestern noch Morgen. … So teilen sich auch Frauen, die ihr Haus putzen, in zwei Lager: die Traditionalistinnen, denen Gestern und Morgen wichtig ist, und die Radikalen, denen beides gleichgültig ist. Wenn eine Traditionalistin putzt, weiß sie, dass sie das weder zum ersten noch zum letzten Mal tut. Das gegenwärtige Putzen ist zwar ein wichtiges, aber auch normales Glied in einer langen Kette, die sich in regelmäßigen Abständen wiederholt. … Da das Vertrauen der traditionalistischen Frau in die Zukunft genau so stark ist wie ihre Verbindung zur Vergangenheit, macht es ihr nichts aus, einzelne schmutzige Stellen für den nächsten Putztag aufzuheben. … Für die Radikalen, die flatterhafter sind und seltener als die Traditionalistinnen, ist dagegen jeder Hausputz einzigartig “

 

Thomas Bernhard, "Auslöschung", 1986

Bekannterweise ganz schön heftig, der Bernhard. Aber dieses Mal hab ich ihm stärker als Satiriker mit schwarzem Humor verstanden. Nein, ich schreib nichts weiter zu Bernhard, er schreibt für sich selbst:

 

S. 28: „Das Fotografieren ist eine niederträchtige Leidenschaft, von welche die ganze Menschheit befallen und von welcher sie nie mehr geheilt werden kann. Der Erfinder der fotografischen Kunst ist der Erfinder der menschenfeindlichsten aller Künste. Ihm verdanken wir die endgültige Verzerrung der Natur und des in ihr existierenden Menschen zu ihrer und seiner perversen Fratze. Ich habe noch auf keiner Fotografie einen natürlichen und das heißt, einen wahren und wirklichen Menschen gesehen.“

 

Aber dann wiederrum:

 

S. 32: „Erst wenn wir einen ordentlichen Kunstbegriff haben, haben wir einen auch einen ordentlichen Naturbegriff, sagte er. Erste wenn wir den Kunstbegriff richtig anwenden und also genießen können, können wir auch die Natur richtig anwenden und genießen … Die ideale Anschauung der Natur setzt einen idealen Kunstbegriff voraus, sagte er.“

 

Venedikt Erofeev, "Moskau – Petuski"

Venedikt Erofeev, "Moskau – Petuski", Kein & Aber, 2005

Anfangs dachte ich: Interessant, ein russischer Wolf Haas. Klar, melancholisch, ist ja Russe. Aber dann merkte ich, dass hinter den lockeren Erzählstil und Wortspiel mehr steckte. Es sprudelt nur von Andeutungen, verpackt in absurden Erzählungen eines Trinkers. Aber hat die Atmosphäre des Betrunkenseins nicht sowieso ihre eigene Wahrheit, ist es nicht tatsächlich eine eigene Sprachwelt, folgt sie nicht eine andere Logik, die auch einmal tiefe Einblicke in die Seele zulässt, dessen Schutzwall vom Alkohol zersetzt wurde? Auch wenn es zeitweise mühselig wird Betrunkenen zuzuhören, einlassen muss man sich darauf, dann kann man tief blicken! Vorwerfen will ich es Erofeev sowieso nicht, denn wie er schon schreibt (s. 86):

 

„Verzweifelt haben die getrunken! Alle ehrenwerte Männer Rußlands! Und warum haben sie getrunken? Sie tranken, weil sie ehrenhaft waren! Weil sie nicht in der Lage waren das Los des Volkes zu erleichtern. Das Volk erstickte an Armut und Unwissenheit, lesen Sie doch Dmitrij Pisarev!“

 

Und wie sooft fabuliert sich der Trinker seine Gesprächspartner her. In diesem Fall uns als Leser. Klar, ich muss, nein darf, interpretieren um mit dem Gebrabbel etwas anfangen zu können. Aber ich will nicht klagen; es ist doch anregend Raum zu bekommen, um sich und sein Leben in den Lücken und Weiten des Textes wiederzufinden! Und wie ich Raum zur Interpretation bekomme! Was gibt es verwirrend-anregenderes als mehrdeutige Erzählungen? Wir können daraus machen, was wir gerade brauchen. Komödie oder Drama. Existentielle Philosophie oder Unterhaltung.

 

Immerhin, eines ist klar: Es geht nicht um die Odysee eines Trinkers von Moskau nach Petuski. Um was dann? Vielleicht jedes Mal und für jede Person etwas anderes. Einen Vorgeschmack bekommt man bereits mit den ersten Sätzen der Erzählung:

 

„Alle sagen: der Kreml, der Kreml. Von allen habe ich das gehört, ihn selbst aber habe ich kein einziges Mal gesehen. Wieviele Male schon (tausend Male), betrunken oder verkatert, bin ich durch Moskau gegangen, von Nord nach Süd, von Ost nach West, kreuz und quer, und wie es sich gerade traf – den Kreml habe ich kein einziges Mal gesehen.“

 

Walter Grond: "Der gelbe Diwan"

Der Klappentext lockt mit nichts geringerem als einer existentiellen Frage: “Was hält unsere Welt zusammen, was bewahrt unsere Gegenwart davor, in ihre Einzelteile zu zerfallen? Walter Gronds großer neuer Roman entwirft ein vielschichtiges Panorama unserer Epoche am Beginn des 21. Jahrhunderts.“

 

Ganz schön großspurig. Trotzdem: Es ist tatsächlich ein „großer Roman“, aber nicht aufgrund der großen Versprechungen, sondern einfach weil er mich einnebeln kann in seinen atmosphärischen Beschreibungen. Dabei geht es gar nicht um die großartigen, aber auch vagen Andeutungen des Klappentexts. Ja, es geht auch um gesellschaftliche Themen, und - irgendwie - auch um die Welt und was sie im innersten zusammenhält. Geht es – irgendwie – nicht fast immer darum? Diese Themen werden aber nicht von den Protagonisten durchlebt und durchdacht, sondern bilden eher Nebenschauplätze, die der Autor bruchstückhaft analysiert. Einwanderung, Klassenkampf, sozialer Aufstieg, sozialer Umgang usw. Diese Themen werden als Häppchen in die emotional aufgeladene Geschichte über Paul Clement und dessen Beziehungen zu ihm wichtigen Personen verflochten. Wie diese Beziehungen (zu seiner Exfrau, zu seinem Schriftsteller-Freund) entstanden sind, sich entwickeln und wie sie sein Leben formen, ist Treibstoff des Romans. Wenn man Beziehungen als die „Einzelteile“ der Gesellschaft – und somit vielleicht der Welt - betrachten kann, ist der Klappentext wiederrum - irgendwie - gar nicht abwegig. Das Große spiegelt sich im Kleinen, oder so. Aber eben nur … irgendwie, und bei diesem „Irgendwie“ bleiben die Beschreibungen im Roman leider auch.

 

Mathias Enard: "kompass"

Mathias Enard: kompass, Hanser, Berlin, 2015.

Alles fing so gut an. Ich konnte mich in den tiefgründigen Beschreibungen von Alltagssituationen verlieren und spürte die Lust an Sprache und das Wiederfinden von Sinn in einfachen Dingen. Auch der Rahmen der Geschichte ist sympathisch zu lesen: Es geht um Franz, einen schrulligen Wiener Musiktheoretiker und darüber wie Freud und Leid, Sehnsucht und Trott zum Orient und dessen Verkörperung in Sarah, einer französischen Orientalistin, sich in Franz‘ konstruierter Welt abwechseln. Und jetzt kommt das Aber. Denn es ist zwar immer wieder unterhaltsam einen kurzen Einblick in die Welt von Nerds zu bekommen, aber seien wir uns einmal ehrlich, längere Gespräche mit Nerds können anstrengend oder sogar nervig werden, wenn man selbst nicht in das nerdige Thema – in diesem Fall Orientalistik - eintauchen kann. Irgendwie führt man beim Lesen ja auch ein Gespräch, bzw. sollte es so zwischen Autor und Leser sein. Dabei ermüden die Seitenweisen detaillierten Beschreibungen über Orientreisende der Vergangenheit in den Erzählungen Enards. Geh auf mich ein, wenn du mit mir sprichst Enard! Für wen schreibst du das Buch? Es soll doch ein Bildungsroman für Nicht-Orientalisten sein! Und irgendwie ist es das Buch trotzdem, aber eher ungewollt. Es gibt nämlich einen Einblick in die Welt von Orientalisten (nicht so sehr des „Orients“), und zeigt, wie diese sich ihren Orient konstruieren, oft realitätsfern interpretieren und sehnsuchtsvoll erkunden. Natürlich geht’s dabei ursprünglich um die Personen selbst und ihre Projektionen, also nicht tatsächlich um das Phantasma namens Orient - Abenteuer, Wüste, Freiheit, Reisefieber usw.

 

Die Liebesgeschichte des Buchs spiegelt dieses sehnsüchtige, konstruierte, realitätsferne Verhältnis wider. Denn auch das beklagende Schmachten nach Sarah passt zu einem orientalischen Klischee von unerreichbarer, quälender Liebe. Diese Art der Liebe gilt also nicht nur für das Verhältnis von Franz zu Sarah, sondern auch für jenes des Autors zum Orient. Es ist ein liebevoller Roman in beider Hinsicht und tatsächlich kommen immer wieder erweckende Erklärungen über den grundlegenden Einfluss orientalischer Künstler auf die europäische Hochkultur vor. Aber es bleibt ein fremder Roman über den Orient, eine Fremdzuschreibung, und in erster Linie eben ein Roman über die Welt dieser Fremdzuschreiber. Trotzdem, in den scheinbar endlosen Ausführungen schleichen sich dann immer wieder Sätze ein, die anregen weiter zu lesen, wie zB. „… wir haben alle keine guten Gründe für unser Handeln, unser Schicksal ist, solange wir jung sind, ebenso leicht zu steuern wie ein Korken, in den man eine Nadel steckt …“ (S. 221)

 

Wenn das Buch nicht gut geschrieben wäre, können die wiederkehrenden detailreichen Trivia-Beschreibungen über Orientalisten, Reisenden und Künstler anstrengend werden. Aber wer sagt, dass man nicht ab und zu kämpfen muss mit einem Roman? Und es zahlt sich aus! Es geht halt nur nicht zu viel auf einmal. Die Dosis macht das Gift. Sonst schmeckt das Buch ja gut.

 

Arno Geiger: "Es geht uns gut"

Meine Gedanken zu Arno Geiger: "Es geht uns gut"

 

Überspitzt gesagt, ist es nicht wichtig worum es in dem Buch geht. Für mich liegt der Fokus bei diesem Buch im Literarischen, nicht in der Geschichte. Keine große Erzählkunst, sondern große Schreibkunst steckt hinter dem Werk. Aber gut, der Vollständigkeit halber: Es ist ein Familienroman, der Auszüge aus dem Leben mehrerer Generationen beschreibt. Zufrieden? Nein!

 

Durch das Buch merke ich, wie sehr ich mir bewusst machen muss woran ich beim Lesen bin. Es ist wohl wie im Leben. Erst dann kann ich es schätzen. Und dieses Buch zwingt einen fast dazu sich damit zu beschäftigen woran man dabei ist. Es regt dazu an über das Wie nicht das Was (also die Geschichte an sich) des Buches nachzudenken. In dieser Hinsicht ist es gut, dass nicht die Geschichte im Vordergrund steht, gut dass es keine Rahmenhandlung gibt, gut dass es kein durchgehendes Thema gibt, gut dass nicht mit dem Leser kommuniziert wird. Es geht nicht darum Schema X anzuwenden, wie zB. das Heldenschema in Hollywoodfilmen (und den griechischen Sagen) um eine Geschichte zu erzählen. Es ist umgekehrt: Die Geschichte dient dazu sich mit Sprache und ihrem Zusammenspiel mit dem Inhalt der Geschichte beschäftigen zu können. Wenn man dann erst mal für sich die Facetten der Schreibkunst erkannt hat, ist das Lesen umso anregender – man hat es sich ja verdient. Deswegen: Gut, dass man sich sein eigenes Lese-Schema erarbeiten muss, um das Buch schätzen zu können.

 

Zum Beispiel ist es angenehm zu erkennen, dass es darum geht eine Sprache zu finden, um sorgsam mit den Charakteren umzugehen. Wie der Autor sie sanft in die Geschichte einbettet. Dabei geht es nicht darum die Charaktere, zB. den griesgrämigen Richard, sympathisch darzustellen. Geiger ermöglicht mir vielmehr ein Gespür zu entwickeln für das Denken, Fühlen und Handeln der Charaktere. Dadurch kann ich mich besser hineinversetzen, wie diese die Hürden des Lebens bezwingen (also doch Helden ;). Ob Kriegserlebnisse eines Minderjährigen, politische Wirren der Nachkriegszeit, stürmische verbotene Liebe und unerfülltes Eheleben, oder Selbstfindung in der Wohlstandsgesellschaft sind – für den Protagonisten geht es jeweils um seelisch-existenzielle Erlebnisse, die das empfindsame Schreiben Geigers distanzlos darstellen kann. Ich habe beim Lesen eher das Gefühl, dass nicht Geiger sondern der Protagonist selbst über sich in der dritten Person schreibt. Trotzdem ermöglicht der Schreibstil einen ruhigen Erzählstil. Ich genieße es, wie die Geschichte gemächlich dahinplätschert, trotz kraftvoller Sätze und Passagen. Und ich kauf ihm jedes Wort ab.

 

Das Anpassen des Schreibstils an die Charaktere und an die jeweilige Situation (zB. lange oder abgehakte Sätze, eine lockere oder stringente Sprache, fantasievolle oder nüchterne Ausdrücke – je nachdem ob es um Krieg, Politik, Liebe oder Müßiggang geht) verstärkt das distanzlose Lesen und Hineinversetzen. Ja sogar die Erzählgeschwindigkeit passt sich den Ereignissen an. Trotzdem ist es immer eine schöne Sprache, die ich genießen kann, und die nicht unnötig kompliziert ist – das hat Geiger nicht nötig. Ich hatte auch nie den Eindruck, dass Geiger den Inhalt für das Literarische missbraucht. Dewegen gibt es zB. auch keine ausschweifenden Beschreibungen, nur um ein Mittel zu haben Sprache darzustellen.

 

Und ich genieße es Passagen wie diese immer wieder zu lesen, zu sehen wie literarische Höhepunkte mit poetischer, bildhafter Sprache elaboriert werden:

 

S 130: „Auf der Donau, die gerade eine weite Biegung macht, beginnen die Spuren (des Krieges) sich bereits wieder zu verwischen.
Das Kielwasser glättet sich.
Die Orientierungstafeln, die aus den Straßen Niederösterreichs entfernt werden, damit sich die Rotarmisten in diesem heillosen Land verirren, sinken auf kiesigen Grund.
Die zaundürren, mit gestreiften Pyjamas bekleideten Häftlinge, die in tagelangen Märschen das Donauufer entlang nach Westen getrieben und, wenn sie erschöpft niedersinken, von Mitgliedern der Ortsgruppen erschossen werden, läßt man ebenfalls verschwinden.
Die Donau rauscht vorüber, das Meer wird nicht voller.
Letzten Endes.“

 

Clemens Setz "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes"

Am Anfang war ich von Clemens Setzs Erzählband "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes" begeistert. Er hat eine fantasievolle Sprache und nimmt interessante Perspektiven ein. Die scheinbar experimentelle Erzählform und Sprache fesselte mich. Interessant wie er zB. einen Schuljungen in selbst-reflektiver, psychoanalytischer Manier erzählen lässt. Wenn in dritter Person erzählt wird nimmt der Autor die Rolle eines Kommentators ein, der Szenen eines Filmes beschreibt oder tatsächlich synchron die momentanen Handlungen und Gedanken der Protagonisten beschreibt. Und dann ist auf einmal Schluss. Abrupt hört die Erzählung auf, kein Sprannungsbogen, keine zusammenhängende Geschichte oder Aussage, einfach nur ein Auszug aus dem Alltag. Als Leser steigen wir mitten drin in den Alltag ein, begleiten den Protagonisten ein Stück, und verabschieden uns so abrupt wie wir hinzugetreten sind. Nicht dass das keine interessante Erzählform ist. Der Autor muss nicht immer zu etwas hinarbeiten, muss nicht immer etwas aufbauen. Es geht ums Erzählen des Erzählens wegen. Und ob etwas erzählenswert ist hängt wohl nicht vom Inhalt der Geschichte ab, aber sehr wohl von der Art der Erzählung. Und hier kommt das Überstrapazieren ins Spiel - das Überstrapazieren von etwas möglicherweise - in eingeschränkter Form - Interessantem. Beispielsweise drehen sich die Geschichten immer mehr um Beschreibungen gewalttätig-sexueller Szenen und der Motivation dahinter. Wenn es nur noch freakig, hart und provokativ ist, bedienen die Geschichten nur noch eine kleine Facette des Lebens und beschränken sich auf einen bestimmten Charakter. Wenn Clemens Setz sich dann noch dazu entschieden hat, den Leser zur Identifizierung mit solchen Protagonisten heranführen zu wollen - zum Eintauchen und Anknüpfen an ihrer Persönlichkeit - kann es mit der Zeit unangenehm werden. Aber vielleicht ist das wiederum für einige Leser das Interessante daran...

 

Knapp und Köhlmeier

Ich lese parallel Radek Knapps "Franio" und Michael Köhlmeiers "Der traurige Blick in die Weite: Geschichten von Heimatlosen", beides Erzählbände, die aufzeigen wie unterschiedlich das Genre begriffen werden kann. Und das, obwohl der späte Knapp dem frühen Köhlmeier gar nicht so unähnlich ist. Aber letzterer packt die Kunst des Erzählens an die Wurzel und ist quasi dabei Grundlagenforscher. Knapps Erstlingswerk versucht bereits angewandte Forschung zu betreiben und verwendet vorgegeben Muster und Stile um Geschichten zu verfassen. Es ist gutes Handwerk, das schon, aber nicht viel mehr. Auch wenn die Geschichten deswegen zu rein und geradlinig sind, erkennt man Ansätze von der Schlitzorigkeit späterer Erzählungen Knapps. Wer seine später erschienenen Werke kennt, merkt die Wandlung von Beschreibungen zu Erzählungen - und was für Erzählungen! Mit Mut zur Blödelei, Sprachspielereien und Phantasie.

 

Ja, es ist ein harter Weg die grundlegenden Komponenten und Fähigkeiten eines Handwerks zu erkennen und neu zu kombinieren. Das schafft Köhlmeier in seinen neu-erzählten Geschichten. Und es geht wieder darum, grundlegende Muster des Erzählens in unterschiedlichen Geschichten wiederzufinden und in aller Klarheit darzulegen. Das kann er verdammt gut, der Köhlmeier. Dabei ist es wie es sein soll: Ich merke fast gar nicht, dass ich lese, sondern nehme die Erzählungen auf. Geschichten mit dieser erholsamen Leichtigkeit rüber bringen - dafür braucht man Übung. Ich hörlese Geschichten über Kogolkin Pach und Gochdo Loch oder über Joringel und Jorinde. Muss ich mehr schreiben? Diese ursprünglichen Geschichten, die Köhlmeier mal hier mal dort aufklaubt und durchknetet, sind wie das Leben oft selbst: grausam und archaisch, einfach und ohne Umwege. Einfach schön und doch nicht, denn „Märchen sind nicht schön. Es ist die Häßlichkeit in ihnen erfunden worden“ (S 56). „Eine Geschichte ist erst fertig, wenn der Tod kommt“ (S 61). Da wird nichts beschönigt. So ist es letztendlich im Leben und so soll es auch erzählt werden. Und um zu mahnen und zu belehren, was traditionell ein wichtiger Zweck von Erzählungen, sind dramatische Erzählverläufe und das Wecken von existentiellen Gefühlen sicher nicht abträglich.

 

Maja Haderlaps, "Engel des Vergessens"

Endlich habe ich wieder die Muße zum zurückgezogenen Lesen finden können. Und Maja Haderlaps Engel des Vergessens war dafür eine gute Wahl. Es ist ein einfühlsamer Erlebnisbericht, nah am Geschehen und nah an den Gedanken der jungen Haderlap. Es geht tatsächlich um ihr Erleben und Erfühlen, um ihr Kennenlernen und Verstehen ihrer (familiären) Umgebung. So kommt es, dass hier nicht ihre Geschichte erzählt wird, sondern implizit wie die Geschichte ihrer Großmutter und Eltern ihre Identität geprägt hat. Es ist ein kindliches Abbild der Geschichte der Großmutter und Eltern - ihres Alltags als Personen und als Slowenen in Kärnten. Sie erzählt von innen heraus, als untrennbarer Teil des (familiären) Gefüges. Das ermöglich eine klare und direkte Sprache, die mir Raum für Gedanken ließ. Dabei wird sowohl der Alltag als auch dramatische Ereignisse in gleichbleibender Nüchternheit beschrieben. Haderlap kann das durch eine sinnliche Sprache trotzdem eindringlich und liebevoll rüberbringen. Dadurch kann ich mich gut in die Situation hineinversetzen, kann die Umgebung riechen und spüren, kann die familiäre Konstellation nachvollziehen. Das ist wohl eine der größten Leistung des Buches: die familiäre Innenwelt mit einer Leichtigkeit widergeben, die ohne Pathos auskommt. Ich denke mir beim Lesen, dass gerade diese ehrliche und direkte Beschreibung des sozialen Gefüges, der Motivationen, und emotionalen Spannungen der Innenwelt selten an die Öffentlichkeit gerät, auch wenn sie die eigentlich relevante Beschreibungsform unseres Erlebens ist. Aus Schutz vor Blöße - vor uns selbst und vor anderen - wählen wir nicht diese ehrliche Ebene der Interaktion und Kommunikation. Wir wissen, dass es den Umgang miteinander wohl komplizierter machen würde. Das Schauspiel auf der Bühne des Alltags benutzt ein anderes, ein funktional angepasstes Vokabular uns Umgang. Haderlap aber beschreibt eher die seltenen Momente hinter der Bühne, wo wir für uns alleine sind und in uns gehen und reflektieren was das Schauspiel mit uns angestellt hat. Diese sonst verborgenen Ebene mit so einer Ehrlichkeit und Klarheit zu lesen, erinnert auch selbst wieder in sich zu gehen und vielleicht sogar zu kehren.

 

Wie sehr ihr Erlebnisbericht aus einem kollektiven Gedächtnis heraus entstanden ist, das die Basis der kollektiven Identität und kollektiven Leid bildet, zeigen auch folgende Zitate.

 

S 143: "Ich bin zur Gruppe angewachsen."
S 155: "Seine Erzählung ist zu meiner geworden, ... , dass er mir einen Teil meiner eigenen Geschichte erzählt hat .... Ich will nicht darüber nachdenken müssen."
S 203: "Gespenster der Ursuppe, die mich anfallen."

 

Diese Stellen zeigen auch den Kampf mit ihrer aufgezwungenen Geschichte, die sie immer wieder einholt. Sie muss ihre Familie analysieren, um sich selbst kennen zu lernen, aber auch um Geschichte zu personifizieren. Es ist interessant zu verfolgen, wie sehr ein Mensch in der Familiengeschichte verfangen sein kann. Das ländliche Leben ist dafür sicher ein Grund. Anscheinend ermöglichte - wie sooft - erst das Studium in Wien die Abnabelung uns das Selbstfinden der eigenen Geschichte. Trotzdem holt die unverarbeitete Vergangenheit ihrer Familie sie immer wieder ein, und es schmerzt sie zu sehen, dass ihre Vergangenheit nicht die ihrer Lebensumgebung ist, ja sogar ignoriert wird. Somit war das Buch auch Anlass für mich wieder die Geschichte der Slowenen in Kärnten und deren kontinuierlichen Verdrängung in Erinnerung zu rufen. Eine gute Broschüre dazu: https://www.google.at/url?sa=t&source=web&rct=j&url=http://www.uni-klu.ac.at/his/downloads/broschuere.pdf&ved=0ahUKEwi43I61_unOAhUBnRoKHdyIAUcQFgghMAE&usg=AFQjCNEykncKZfj3-ARI0NjlqzRC5JJdQg&sig2=OEW5GbLxYVGeNTS026kkDw