Quer durch das Hernalser Kleinjerusalem

 

Wahrscheinlich war es die Prägung durch den Besuch des Hernalser Friedhofs, die mein Auge für Gebetshäuser beim Spazieren durch Hernals geschärft hat. Der Friedhof empfängt seine Besucher ja bereits mit sakralem gotischem Prunk, vielleicht auch damit die menschliche Existenz relativiert wird, wogegen man sich schwer verwehren kann. Die alten Gräber, die Ruhe, das Ächzen der Raben und das Betören des Nebels tun das Übrige um den Besucher eine metaphysische Stimmung einzuhauchen. Zum Glück erinnert mich der Blick auf die Stadt vom hügeligen Friedhofsgelände an den Alltag mit seinen Geräuschen. Auch wenn ich dadurch auf den Boden der Realität zurückgebracht werde, ermöglicht mir gerade der distanzierte Blick auf das Treiben den Unterschied zur Totenstille am Friedhof zu schätzen.

 

Bevor mich die Friedhofsatmosphäre aber zu sehr vereinnahmt, verhöhne ich die Toten indem ich ihre ewige Ruhestätte verlasse. Nachdem ich die Hernalser Hauptstrasse überquere, folge ich der Sautergasse stadteinwärts. Kaum dort angelangt, nehmen Türschilder von Freikirchen meine Aufmerksamkeit ein. Viel ist über sie nicht zu erfahren. Die „freie Christengemeinde Hebron“ erwähnt auf ihrer Website „von Gottes Liebe begeistert“ zu sein, „Vineyard Wien“ lädt ein „Gott zu erleben“, und „Lifechurch Wien“ möchte „Kirche auf eine erfrischende Art und Weise leben“. Ihre Webseiten zeigen, dass eine weitere wichtige Eigenschaft ihre gute Vermarktung und Verlockung ist – wohl ein typisches Merkmal evangelikaler Kirchen. Ich gehe die zur Sautergasse parallele Mariengasse weiter und stoße auf die Marienkirche des Redemptoristen-Ordens. Der angrenzende Clemens-Hofbauer-Park verschafft dem Sichtziegelbau den nötigen Raum zum Wirken und Präsentieren seines Anspruchs. Als ich die Statue des Heiligen und Wiener Stadtpatrons Clemens Maria Hofbauer sehe, erinnere ich mich an eine Ö1-Sendung über sein Wirken für die tschechische Gemeinde im 19 Jhd. in Maria am Gestade, einer der ältesten Kirche Wiens. Interessiert bemerke ich, dass vorgestern die monatliche Stadtwallfahrt zur Marienkirche der Redemptoristen stattgefunden hat und setze meine zufällige Wallfahrt im Hernalser Kleinjerusalem fort.

 

Vorbeigehend an den zahlreichen Nebengebäuden der Marienkirche stoße ich auf eine weitere Ausprägung biblischen Glaubens: ein Königreichssaal der Zeugen Jehovas, auch wenn auf den Umzug nach Meidling hingewiesen wird. Am Ende der Mariengasse kommt mir eine Erinnerung der Religionsvielfalt aus einer anderen Richtung entgegen: die Osmanli Cevlik Camii, wohl ein typischer multifunktionaler Verein, den viele Auslandstürken als Halt verwenden. Auch hier wird für eine Wallfahrt geworben, einer Umra nach Mekka (wie Wallfahrten außerhalb des Hadsch heißen). Der tibetische Verein in der Nähe erinnert, dass auch nicht-abrahamitische Religionen in Hernals ihren Platz gefunden haben.

 

Bevor ich zurückgehe, überquere ich noch die Kalvarienberggasse, mit der imposanten Wallfahrtskirche, die ursprünglich den Abschluss des nachvollzogenen Kreuzweges der Pilger war. Nicht nur wegen der etymologischen Erinnerung an einen Friedhof (Kalvarie steht für „Ort der Schädel“) weht hier ein Hauch von Geschichte. In der angrenzenden Haslingergasse erinnere ich mich an den dortigen serbisch-orthodoxen Gebetsraum und bin über die oft versteckte Vielfalt erstaunt, denn die Gebetsräume sind meistens von außen unscheinbar.

 

Ich kehre zum Lorenz-Bayer-Platz zurück und erinnere mich, dass der Park vor gut hundert Jahren auf den ehemaligen Hernalser Friedhof errichtet wurde. So gesehen war mein Spaziergang eine Tour von einem zum anderen Friedhof entlang von religiösen Einrichtungen, deren Bedarf auch aus der menschlichen Sterblichkeit genährt wird.

 

Es wird gehackelt in Hernals


Ottakringer Brauerei, Manner Fabrik, Staud, Kfz-Garagen, Metallverarbeitung, Müllverwertung usw

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